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Propriozeptive Einlagenversorgung
1. Was ist Propriozeption?

Wahrnehmung aus dem eigenen Körper vermitteln, z.B. aus Sehnen Muskeln und Gelenken.
Propriozeptive Reflexe, bei denen Reiz- und Erfolgsort identisch sind, sog. Sehnenreflex: Muskeldehnung - Muskelkontraktion

2. Wirkungsprinzip der propriozeptiven Einlagenversorgung

Ohne Bewegung ist kein Erlernen von Bewegungsmustern möglich.
Welche Informationen fehlen?
Wie könnte man diese Informationen liefern?

Wir versuchen durch gezielte Reize bestimmte Reaktionen auszulösen. Dabei können wir alle propriozeptiven Nervenorgane nutzen.

Wenn wir wissen, dass auch die Gelenkinnenflächen Nervenendungen haben, muss es das Ziel sein, die Gelenkstellung so natürlich wie möglich zueinander zu bringen.
Beim gesunden Gang setzt die Ferse zuerst auf, deshalb ist es wichtig, z.B. für den Spastiker, den Rückfuß in eine natürliche Position zu bringen, aber nicht durch passives Halten – sondern durch Reizung der zuständigen Muskelgruppen unter Freilassung von Bewegung. Ist also der Rückfuß in einer natürlichen Lage, können auch natürliche Informationen weitergeleitet werden.

Natürliche Bewegungsmuster simulieren

Die Therapie muss demzufolge darauf abzielen, natürliche Bewegungsmuster zu simulieren, damit richtige Bewegung entdeckt wird, richtige Bewegung wiederholt und dadurch automatisiert wird. Nichts anderes soll bei jeder Form von Krankengymnastik versucht werden. Egal ob es ein Plattfuß, Hohlfuß, Sichelfuß u.s.w. ist, die Aufgabe des Therapiebegleiters ist, falsche Bewegungs-Muster zu entdecken und natürliche Bewegung zu simulieren.

Nach diesem Infoprinzip müssen nun alle weiteren Informationen geliefert werden.

Therapieunterstützend durch permanente Reizung der Sensoren der Fußmuskulatur – Propriozeption, das Erreichen des physiologischen Bewegungsmusters wird dadurch automatisiert.
Die Therapie für solch einen Menschen kann also nur dann positiv sein, wenn wir gemeinsam mit Arzt und Physiotherapeut für ihn natürliche Bewegungsmuster simulieren, damit er solche Muster überhaupt entdecken kann. Erst dann kann er sie als Bewegungsmuster erkennen.
Erfolgsaussichten bei Kindern sind höher als bei Erwachsenen.

Mediale Information

Die mediale Erhöhung/Abstützung wirkt auch propriozeptiv. Der höchste Punkt der Aufrichtung ist unter dem sustentaculum tali. Diese Erhöhung spricht die Sensoren der Tibialisgruppe an. Medial läuft der M. tibialis posterior entlang. Und an der Sehnenscheide sind die propriozeptiven Nervenendungen. Dadurch ist der Kontakt zum Boden etwas eher hergestellt. Bevor der Fuß ganz auf den Boden kommt, werden somit die Muskeln dort schon stimuliert. Dies wirkt sich auch auf den Muskelbauch aus. So werden beim M. Tibialis posterior Ursprung und Ansatz näher zueinander gebracht. Die Nervenenden im Muskelbauch sind so eingestellt, dass sie eine ganz bestimmte Spannung halten.
Verkürze ich Ansatz und Ursprung des Muskels, bedeutet dies für diesen propriozeptiven Sensor, dass die Spannung noch nicht erreicht ist. Das heißt, er muss nacharbeiten beziehungsweise nachstellen. Durch die Verkürzung der Sehnenstrecke gebe ich diesem Muskel den Reiz, sich stärker zu aktivieren. Er darf die Information, dass keine Aktivität mehr erforderlich ist, nicht zu früh weitergeben.
Durch die natürliche Position der Fußwurzelknochen wird ein natürliches Bewusstsein für den Fuß geliefert. Wenn ich es schaffe, den Rückfuß in die richtige Position zu bringen, habe ich ein natürliches Bewusstsein hergestellt. Die Muskelbäuche, die an der Fußsohle entlang laufen, bleiben frei zur Aktion.

Laterale Information

Auch die Aufrichtung des Rückfußes auf der lateralen Seite wirkt sowohl statisch als auch propriozeptiv. Der Propriozeptionspunkt lateral ist niedriger als auf der medialen Seite und stimuliert den Steigbügel. Zur Aufrichtung des Rückfußes haben wir die M. tibialis posterior und anterior sowie auf der lateralen Seite den M. peronaeus longus, des sich im Pfannenband mit dem M. tibialis posterior zum Steigbügel verbindet. Überall dort, wo die Sehnen an der Fußsohle entlang laufen, stelle ich gedanklich die Verbindung zu den Funktionen der einzelnen Muskeln her. Uns stehen nur die Bodenreaktionskräfte zur Verfügung, nur an der Fußsohle kann ich mit meiner Einlage ansetzen. Nur die Fußsohle ist in der Lage, den Druck durch die propriozeptiven Elemente aufzunehmen. Druck von der Seite würde schon nach kurzer Zeit zu Schmerzen führen.
Die laterale Anhebung des Fußes bildet gleichzeitig das Widerlager für die mediale Stütze. Somit wird der Calcaneus in der Mitte positioniert und der Fuß wird zwischen Auftritts- und Standphase geführt.
Wichtig bei dieser Art der Orthesenversorgung ist zu wissen, an welchen Stellen man den Fuß anheben oder stimulieren darf. Wird z. B. die Plantaraponeurose stimuliert, spannen wir jene Muskulatur zusätzlich an, die beim Spastiker sowieso schon unter Hochspannung steht und nicht unter Kontrolle ist. Sie muss freigelegt werden bzw. . frei bleiben.
Die Muskelbäuche müssen generell frei bleiben. Sie sind der aktive Teil der Bewegung. Wenn wir sie behindern, verhindern wir natürliche Bewegungsmuster und deren Automatisierung.
Wenn ich die Sehnen hinter den Mittelfußköpfchen II und III drücke, erhöhe ich deren Vorspannung und gebe der Wadenmuskulatur das Signal, sich zu entspannen. Dort muss ich auch in der Versorgung ansetzen. Rücke ich mit der Erhöhung zu weit nach hinten, treffe ich die Muskelbäuche. Das verursacht Schmerzen und gibt die falsche Information.
Ich weiß auch, dass ich durch die laterale Anhebung über die Muskelkette zu den Adduktoren hin die Hüfte stabilisieren kann.
Das Tieferlegen des Großzehen-Grundgelenks ist wichtig für die Verkürzung des medialen Hebelarms. Sonst würde die Innenrotation des Fußes verstärkt. Wenn der Hebelarm zu lang ist, gerät der Fuß in der Abstoßphase in eine Supinationsstellung.

Zehensteg

Der erste Griff, den ich mache, wenn ich mit spastischen Lähmungen zu tun habe, gilt den Zehenbeeren. Sie versuche ich zu strecken, denn deren Dehnung bedeutet eine Vorspannung für die rückwärtige Muskulatur und dadurch die Entspannung. Wenn ich die Zehen nehme und sie nach vorne ziehe, dann dehne ich die plantare Muskelfläche und gebe ihr den Reiz, sich zu entspannen. Manchmal reicht allein dieser Griff schon aus zur Lockerung des Fußes.
Wenn dies dort möglich ist, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Orthesenversorgung einen positiven Effekt hat.
Der Zehensteg streckt die Zehen. Mit ihm versuche ich, so viel Kontakt wie möglich zu den Zehenbeeren zu schaffen. Die Zehenbeeren setzen weit vorne auf. Ganz kurz dahinter befindet sich der höchste Punkt des Zehenstegs. Das hat folgenden Grund: Die Zehen schieben in der Abstoßphase nach vorne. Wenn der Zehensteg zu weit hinten sitzt, drücken die Mittelfußköpfchen darauf und das erzeugt Schmerzen.
Der Zehensteg hat noch eine andere Aufgabe. Die Zehenbeeren haben sehr viele Nervenendungen, die uns die Koordination im Stand und im Gang ermöglichen. Sie sagen uns genau, wo wir uns befinden.

3. Versorgungsmöglichkeiten:

Krankheitsbilder - mit Mustereinlagen

3.1 Fußdeformität mit starker Abflachung des Längsgewölbes

Knick- u. Senkfuß mit Außenrotation

Das am leichtesten zu versorgende Krankheitsbild, nur das Anheben des Längsgewölbes durch Druck auf die Sehne des hinteren Schienbeinmuskels – M. tibialis posterior – und als Gegenlager auf der lateralen Seite kleiner Druck auf die Sehne des M. peronaeus longus.

Sichel- u. Knickfuß mit Innenrotation

Für das Anheben des Längsgewölbes durch Druck auf die Sehne des hinteren Schienbeinmuskels – M. tibialis posterior. Für das Einwärtsdrehen des Vorfußes – Druck auf die Sehne des M. peronaeus longus.

Plattfuß

Für das Anheben des Längsgewölbes – Druck auf die Sehne des hinteren Schienbeinmuskels – M. tibialis posterior

3.2. Fußdeformität mit starker Supinationsstellung des Fußes

Klumpfuß

Der laterale Teil des Rückfußes ist bis vor, in den Mittelfußbereich stark in Pronationsstellung ausgearbeitet. Druck auf M. peronaeus longus sowie M. peronaeus brevis.

Hohlfuß

Grundform der Einlagen entspricht der des Klumpfußes, die laterale Seite jedoch ist nicht so hoch ausgearbeitet. Die Querabstützung wird näher an den Mittelfußköpfchen platziert.

Spastische Hemiparese - Halbseitenlähmung

Der Zehensteg wird stärker ausgearbeitet, um eine Lockerung der Fußmuskulatur zu erreichen.
Spastiker: bei starkem Zehengang ist eventuell eine Schiene über den Knöchel angezeigt.

4. Versorgungsverlauf

Anamnese:

In der Praxis sieht das wie folgt aus:

Die diagnostischen Fragen sollten im Vorfeld genau geklärt sein. Danach folgt eine genaue Bewegungsanalyse. Bei dieser Analyse sind folgende Bewegungsmuster abzuklären: Innen- oder Aussenrotation, Plattfuß, Hohlfuß, Klumpfuß, Sichelfuß, gebeugte Kniestellung, Varus- oder Valgusstellung, Hüftgelenksstellung, Ausrichtung des Oberkörpers, Ausgleichbewegung der Arme während des Gehens. Am besten nutzt man dabei eine videogestützte Laufanalyse.

Dann versuchen wir mit unseren Händen durch Druck an der Fußsohle, die Wirkung der Orthese zu simulieren, unter der Prämisse welche Informationen wir geben wollen.

Anschließend wird die Orthese gefertigt und in passendes Schuhwerk eingepasst. Um sicher zu stellen, dass die Informationspunkte auch unter Belastung an der richtigen Stelle ihre Wirkung zeigen können, ist es wichtig darauf zu achten, dass die Orthese im Schuh nicht verrutschen kann.
Im Regelfall sollte nach einer gewissen Tragezeit ein Kontrolltermin vereinbart werden, um die richtige Funktion zu überprüfen und gegebenenfalls Korrekturen vornehmen zu können.

5. Zukunftsperspektiven

Da dieses Gebiet noch sehr unerforscht ist und viele neue Möglichkeiten in der Orthopädieschuhtechnik eröffnet, wird man sich mit diesem Thema weiterhin auseinandersetzen müssen.

Um weitere Erfolge mit propriozeptiv wirkenden Fußbettungen erzielen zu können, ist eine noch engere Zusammenarbeit zwischen Physiotherapeuten, Ärzten und Orthopädieschuhtechnikern von großer Bedeutung.

Es ist weiterhin mit einer besseren Patientenakzeptanz zu rechnen, da diese Art der Versorgung zwar ungewohnt, aber dennoch angenehm zu tragen ist und durch den Verzicht auf schwere, versteifende Materialien die Schuhe nicht mehr so schwer sind.